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Wo:Große Hamburger Str. 31, 10115 Berlin
Wann:Freitag, 29.10.2021, 18:00

Rainer René Mueller

Stolpersteine · Prosa und Gedichte · Gespräch

Die Stolpersteine in der Großen Hamburger Str. 31 erinnern an Johanna Klum und James Deutsch. Im Haus Nummer 26 befand sich das Altenheim der Jüdischen Gemeinde Berlin, das von der Gestapo als Sammellager für jüdische Bürger genutzt wurde.

Im Altenheim der Jüdischen Gemeinde wurde 1942 das Sammellager Große Hamburger Str. 26 eingerichtet. Das Personal des Altenheims wurde von der Gestapo gezwungen, bei den Transportvorbereitungen zu assistieren. Die Leitung dieses Lagers hatte der Kriminaloberassistent Walter Dobberke aus dem Judenreferat der Stapoleitstelle. Es bestand vom 2. Juni 1942, mit Beginn der ersten Transporte nach Theresienstadt, bis 1. März 1944. Von Mai/Juni 1943 bis Anfang 1944 war es das alleinige „Sammellager“ in Berlin. Anfang März 1944 zog das Lager – die noch dort eingewiesenen Personen sowie die gesamte Verwaltung – in die Schulstraße im Wedding in die Räumlichkeiten der Pathologie des Jüdischen Krankenhauses. Laut Aktenlage durchliefen etwa 22 000 Menschen dieses „Sammellager“.

Johanna Klum wurde als Johanna Lewin am 14. April 1902 im brandenburgischen Beelitz geboren. Sie war mit dem Kaufmann Manfred Klum verheiratet, der katholischer Konfession war, und trat auch selbst vom Judentum zur katholischen Kirche über. Ihre beiden Söhne Heinz (*1. Mai 1922) und Leo (*8. Januar 1928) wurden ebenfalls katholisch getauft. Mit ihrer Familie lebte sie in einer 5-Zimmer-Wohnung in der Großen Hamburger Straße 31 in wirtschaftlich guten Verhältnissen. Im Juli 1940 wurde ihre Ehe geschieden. Ihren letzten Wohnsitz hatte Johanna Klum in der Heilbronner Straße 5 in Schöneberg, wo sie ab August 1942 ein Zimmer zur Untermiete bewohnte.

Am 7. Januar 1943 wurde sie von der Gestapo verhaftet. Am Tag darauf wurde sie aus dem Sammellager in der Großen Hamburger Straße wieder entlassen, da sie minderjährige Kinder aus einer sogenannten „privilegierten Mischehe“ hatte. Aus diesem Grund war sie auch von der seit September 1941 bestehenden Verpflichtung ausgenommen, den sogenannten Judenstern tragen zu müssen. Leo Klum, der am Tag ihrer vorläufigen Freilassung seinen 15. Geburtstag feierte, schildert in seinem Antrag auf Rückerstattung des geraubten Vermögens seiner Mutter, dass diese sich vergleichsweise sicher gefühlt habe und nicht glaubte, noch einmal verhaftet zu werden.

Johanna Klum musste bei den Siemens-Schuckert-Kabelwerken in Gartenfeld Zwangsarbeit leisten. Dort wurde sie am 27. Februar 1943 bei der später als Fabrikaktion bezeichneten Großrazzia verhaftet. Ihre Söhne erfuhren davon am folgenden Tag durch einen Telefonanruf von Arbeitskollegen, die Zeuge der Verhaftung waren. Am 4. März 1943 wurde Johanna Klum mit dem „34. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

James Deutsch wurde am 12. Juni 1886 als Sohn des jüdischen Ehepaares Helene (geb. Grurau) und Max Deutsch in Berlin geboren. Er wuchs mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Else in Berlin auf und besuchte ein humanistisches Gymnasium. Nach dem Abitur studierte er von 1905 bis 1909 Zahnmedizin in Würzburg und Berlin und promovierte zum Dr. med. dent. Am 27. Febuar 1915 heiratete er auf dem Standesamt Berlin-Mitte die Gymnastiklehrerin Margarete Maria Hirse. Seine Frau stammte aus Bromburg (polnisch Bydgoszcz) in der damaligen Povinz Posen und war protestantischer Konfession. Sie brachte ihren siebenjährigen Sohn mit in die Ehe. James Deutsch selbst blieb kinderlos.

Ab 1925 war er für die Allgemeine Ortskrankenkasse tätig, zunächst in Elberfeld und Gera, dann in Lichtenberg und ab 1928 in Berlin-Steglitz, wo er als Kieferchirurg an der Zahnklinik der AOK arbeitete. Am 12. April 1933 wurde er zusammen mit zwei weiteren jüdischen Kollegen auf Anordnung des NS-Zahnärzteverbands fristlos entlassen. In der Folgezeit blieb er arbeitslos.

Ab dem 27. Mai 1942 war James Deutsch im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Fünf Monate nach seiner Verhaftung wurde er dort am 29. Oktober 1942 ermordet.

Julia Chaker, Quelle

Zum Gespräch mit Rainer René Mueller

Lesung von Rainer René Mueller

II Kastanien, Literaturbote 138: Paul Celan (Frankfurt a.M. 2020), Wege, Wege, Augen / Gedichte (pawel pan presse, Büdingen-Düdelsheim 1983), Vaterland, kornblumenblau, LiedDeutsch. Gedihcte (Verlag Desire & Gegenrealismus, Schwandorf 1981)

II
Kastanien

… etwas geht zu Ende. Und darüber hinaus, indes es zurückkehrt. Was als Furcht begann, bleibt als Erinnertes stets im Aufzünden der Blüten, groß im Auffächern der Blätter und im Platzen der grünen Frucht, hörbar beim Fallen auf den Boden, beim braunglänzenden Kullern: Kastanien. Es ist eine Kastanienallee in einer Kleinstadt am Main, eine Baumreihe, die dem Kind, schon beim ersten Anschaun, erinnert jetzt, wie Erinnerung erschien, eine Baumreihe, hinter die nicht zu gehen war … Dahinter war drüben und darüber gingen Loren.

Um in einem gewissen Sinn das Erinnern zu erinnern: in der Kleinstadt, in der der Bub nach der Kriegszerrüttung als uneheliches Kind einer Vetriebenen, einer „hergelaufenen“ Flüchtlingsfrau, die vom Arbeitslager in Saaz – Doldenhopfen und Zuckerfabrik – im Güterwagon ins Fränkische kam, erste frühe Jahre verbrachte, alleingelassen, waren die Kastanien ein Jenseits im Hiesigen, Jahreszeiten lang.

Darüberhin, etwas versetzt zur Baumreihe, transportierten, hängend an Drahtseilen, quer her, vom jenseitigen Ufer des Mains hoch gespannt, Kipploren Bruchsteine aus einem Steinbruch ins diesseitige Kalk- oder Zementwerk.

Woher weiß ein Kind das, wovon her: die mit einem kreischenden Geräusch am Seil laufenden Loren, dieses Oben, Lore nach Lore, war etwas, das im Kind Furcht, Angst und Grauen auslösten, unverloren: die Loren waren Totenwagen, Steinbrüche sind Todesorte und auch Stein wird verbrannt.

– – –

Jahre, Jahre: … Ich sah unter der Achsel meines Vaters, der nicht mein Vater war, das Blutgruppenzeichen. Da, zum ersten Mal, verband sich dies Zeichen mit den Kastanien und den darüber hinrollenden Loren, das Blutemblem mit dem Vegetabilen und dem Stein, der verbrannt wird, zu einer Szenerie, die hier war, hier, uneinholbar.

Abermals Jahre, Jahre: … unvermutet, durch eine Fügung, sah ich eine Fotografie: Babi Jar, Ukraine, 1941. Dieser Mann mit dem Blutgruppenzeichen steht rechts im Bild am Rand einer Grube, die mit Leichen gefüllt ist und richtet seine Pistole auf einen vor ihm am Rand dieser Grube kauernden Juden.
Die Kastanien stehn und die Loren gehen drüber hin. Und der Stein wird verbrannt. Nicht auflösbar, dies, nie …

Unauflösbar verbunden mit Drüben, unauflösbar. Gedichte kann ich nur schreiben im Vertrauen auf das Versprechen, das Gedichte anderer mir gaben, das Versprechen in der réécriture, dass die Gegenwart des Verbrechens in der Geschichte, im Großen wie im Kleinen, in die Rettung einer sprachlichen Gestalt übertragen werden kann, nur – keiner kann im Zustand der Rettung allein überleben.

Hinter den Kastanien, diesen am Main und jenen, begann für mich die Welt. Die Loren waren Wolkenwagen …
Das eingeschriebene Datum, das auch ein datum ist, ein Gegebenes, ein geschriebes. Es zeigt und zeugt sich fort, insofern der Metapher notwendigerweise gehöhnt wird, …

2021-2018

Wege, Wege

Geräusche,
das Wort Überlebensschuld

etwas unterbricht uns, verursacht diesen Gesang
Scherbengeplärr, Lessingglanz:
ein prologisches Blau

alles haben wir gesehen,
das Verpfiffene, den Gehenkten
der schlug gegen den Wind

der ging am Stationenweg
um ein Amen zuviel
dieses Bütteltarock

alles haben wir getrunken
fad das Bleiweiß, der Ausfluß
aus der Themasseite

im überdauerten, bewachten Schlaf
dieses Schlaflos

wer wiegt
als das Feuer kam
über diese Brücke nach Moldawien
über den Fluß

die linke Seite war die Todesseite
die rechte Seite war die Arbeitsseite

Rabbinisches, mein Traum vom Schneider in New York,
wer heilt das

LiedDeutsch 1981

Vaterland, kornblumenblau

… denken viel, die
Stimmen verbieten / die Farbe Blau
                                    (diese Farbe)
die Stimmen verbietet, Gebrüll
:staken, hüten: hecheln

Überhänge von
                        proche orient, caré
                        creuser: crever
                        (Exilreden hinlagern)

schrie nicht im Tiergarten
die Stimme
                         (die Göbbelsgosche)
zu tausenden Stimmen, die gafften:
wir haben
wir haben sie zu Paaren getrieben
                         (heilig und paarig)

trieb es, hoch
die Hand /, aus
und schlug

mal sind diese Stimmen auch nah und ganz
blau
sie sagen:
du kommst nicht vor
                         (ich nicht)
& machen aus Stille ein Tier
es ist ein Verhör in der Luft
ein Auge ist in der Luft

die Rüben sind eingemietet,
ein Hochbunker steht,
                        horcht

Augen 1983

@ coming soon

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