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Diese Szenerie war mir in keiner Weise fremd

Rainer René Mueller im Gespräch mit Boris Schumatsky

Boris Schumatsky: Der Name Paul Celan war schon zu seinen Lebzeiten in Deutschland bekannt, aber Celans Gedichte und Themen wurden oft widerwillig aufgenommen. Wie haben Sie diese Abneigung damals erlebt?

Rainer René Mueller: Das war ungefähr 1967, ich war damals im Gymnasium, schon in der Oberstufe, und es waren drei Dichter im Unterricht, Günter Eich, Magnus Enzensberger und Paul Celan, der aber nicht offiziell auf dem Lehrplan stand. Es war eine Entscheidung der Lehrerin, einer Frau Dr. Asmussen. Sie war die Tochter des lutherischen Propstes Hans Asmussen, der in Berlin in der Bekennenden Kirche gearbeitet hatte, im Widerstand. Er wurde verhaftet und war dann längere Zeit im Konzentrationslager. Seine Tochter, meine Deutschlehrerin, hatte ein ganz anderes Wissen im Blick auf das, was geschichtlich im Deutschunterricht verhandelt wird. Das war etwas sehr, sehr Besonderes, später habe ich die Familie ganz gut privat kennengelernt.

Da ich Teile meiner eigenen Biografie schon kannte – mir wurde, als uneheliches Kind, vieles verschwiegen, aber Teile wusste ich – und als ich das Gedicht von Celan las, war mir diese Szenerie in gar keiner Weise fremd. Ich hatte sofort die Wahrnehmung, hier wird etwas verhandelt, was mit meiner Geschichte zu tun hat.

BS: Welches Gedicht war es?

RRM: Das war das berühmte Gedicht „Die Todesfuge“, das wir damals in der Schule gelesen haben. Paul Celan in der Kombination mit Günter Eich zu lesen, der in den 50er Jahren sehr einfache Gedichte schrieb, und mir dem „revolutionären“ Denker und Literaten Hans Magnus Enzensberger – das waren sehr starke Gegensätze.

Die geschichtliche Radikalität, die im Gedicht enthalten sein kann, hatte mich schon als jungen Menschen angezogen und affiziert. Die im Gedicht eingeschriebene Wahrheit, das war mir schon klar, ist nicht kommensurabel zu Lehrplänen oder zu bestimmten Meinungen.

Gedichte nach Auschwitz

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RRM: Später, schon während der Studienzeit, also nach 1969, kam noch etwas hinzu. Für mich ist das mittlerweile wie ein immer wieder aufgewärmter Pfannkuchen, aber man kann es in dem Zusammenhang einfach nicht umgehen, und ich will jetzt mal Tacheles reden. Es war diese wirklich saublöde Bemerkung von Adorno, Gedichte kann man nach Auschwitz nicht schreiben oder so ähnlich. Das war auf Celan gemünzt, und mir war völlig klar, dass mit diesem Verdikt der Kunst jede Möglichkeit genommen wäre, sei es der sprachlichen, also der Wortkunst, sei es der Bildkunst oder der musikalischen Kunst. Es war mir vollkommen klar, dieser Mann hatte unrecht, es stimmte nicht. Da kam ein Ressentiment zum Ausdruck, wahrscheinlich auch gegen sich selbst gerichtet.

Es setzte dann eine weitere Entwicklung in der Celan-Rezeption ein, die sich im Wesentlichen darauf beschränkte, diese Gedichte mehr oder weniger in die Ecke der Unverständlichkeit zu schieben. Eine falsche Begrifflichkeit vom Hermetischen wurde – profan übersetzt – so verstanden: Der soll schreiben was er will, es versteht eh keiner.

Dann gab es eine Gegenbewegung, die versuchte, die Gehalte der Realgeschichte in der sprachlichen Form bei Celan nachzuweisen. Sie wollte deutlich machen, was hier in dieser sehr besonderen und nicht korrumpierten Sprache übermittelt wird. Das war das Entscheidende, es kam aber noch etwas hinzu. Celans „Todesfuge“ und eine ganze Reihe anderer Gedichte, die explizit diese Herkunftstragödie beschreiben, waren, wenn ich es nur vom Literarisch-Künstlerischen betrachte, eine Zäsur. Es war eine solche Zäsur in der deutschen Sprache, dass man danach nicht mehr so schreiben können würde, wie es vorher noch möglich war.

Ich will ein Beispiel aus der Literaturgeschichte machen. Gedichte von Karl Krolow waren zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung im Grunde schon anachronistisch, sie hatten nichts verstanden. Es war klar, dass man nach Celan eine andere Sprache sprechen können sollte, um eine gegebene Linie, Barriere, Grenze nutzen zu können und überschreiten zu können, oder sich zumindest jenseits der Kastanien bewegen zu können, im literarischen Zusammenhang. Wenn ich den Anspruch habe, eine literarische Kunst zu machen und nicht irgendwie ein in Zeilen angeordnetes Blablabla.

Es kommt biografisch noch etwas hinzu. Ich gehöre wahrscheinlich zu den ganz Wenigen, die Paul Celan noch erlebt haben. Zwei Jahre vor seinem Freitod hatte Celan in Freiburg, im audimax, gelesen, am 26. Juni 1968, und ich war bei dieser letzten Lesung zugegen. Später habe ich seine Witwe und auch seinen Sohn in Paris kennengelernt. Aber diese Erlebnisse oder die Wahrnehmung von Menschen in ihrem Lebenszusammenhang sind mir freilich von der Erinnerung her präsent, sind für mich aber nicht thematisch im Schreiben. Das heißt, ich schreibe da nichts nach.

Korrumpierte Sprache

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BS: Sie haben von einer korrumpierten Sprache gesprochen und davon, dass Sie sich von ihr distanzierten. Was haben Sie damals genau getan, um weiterzugehen?

RRM: Ich hatte die ersten Publikationen hatte Anfang der 1970er Jahre. Meine Altersgruppe, die in jener Zeit Gedichte oder Literatur produziert hat, bewegte sich in einem recht engen ideologischen Rahmen. Dazu passte meine Art zu schreiben und zu denken in gar keiner Weise. Ich habe sehr viel Widerstand erfahren, ich habe sehr viel Häme erfahren, teilweise sagten Menschen, ich sei ein liberaler Scheisser. Da ich aber auf sprachkünstlerische Verantwortung beharrte im Verhältnis zu dem, was die Sprache vermag, habe ich einfach weitergeschrieben.

Ich will ein einfaches Beispiel machen. Die tagesaktuelle Gebrauchslyrik von Erich Fried kann ich natürlich heute lesen, aber sie hat relativ wenig mit Poesie zu tun oder mit Poetik, sondern es ist eine Verlautbarungspoesie, die aktuell eingreift, die hoch polemisch ist und die in manchen Zusammenhängen fragwürdig ist. Die natürlich zu einer bestimmten Zeit hochdekoriert war, aber eigentlich wenig gedacht hat. Sie hat viel illustriert, aber wenig gedacht. Und das hat mich weniger interessiert.

Apropos Erich Fried. Es gibt für mich aus dem Erleben heraus eine sehr wichtige Anekdote. Ich war vor einer ganzen Reihe von Jahren in der evangelischen Akademie in Loccum zu einer Tagung eingeladen, und bei dieser Tagung war auch Erich Fried zugegen. Er kam verspätet, wir saßen schon da, uns wurde Mittagessen serviert. Erich Fried wurde hereingeführt, er setzte sich einen Tisch oder zwei weiter hin, und dann passierte Folgendes, was vielleicht ein gutes Licht auf seine Art zu denken und seine überfordernde Polemik wirft. Er saß an diesem Tisch, und das Personal, das bediente, brachte ihm nicht sofort etwas zu essen. Woraufhin er vor versammelter Mannschaft laut sagte, „Das ist ja hier wie in einem KZ!“ Und das war ein Satz zu viel.

…unter der Achsel meines Vaters, der nicht mein Vater war, das Blutgruppenzeichen

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BS: In der Prosa, die Sie heute gelesen haben, taucht ein Detail auf, eine Tätowierung, ein Blutgruppenzeichen unter der Achsel Ihres Stiefvaters. Das stand am Anfang Ihres Lebens, und erst vor kurzem entdeckten Sie wieder etwas über diesen Mann. Was hat das in Ihrem Leben bewirkt?

RRM: Ich hatte ja nun keine Wahl, ich musste mit diesem Mann, der nicht mein Vater war, aufwachsen. Dieser Mann war begabt mit einer außerordentlich feinen, sadistischen Brutalität. Er hat selbst das Kind, das nun einmal da war, auf seine Weise gequält. Er hat auf dieses Kind, auf diesen Buben permanent antisemitische, antijüdische Ressentiments, Schimpfworte, Sprachgebrauchsformen angewendet. „Was hätte ich schon machen sollen? Als ich gekommen bin, warst du schon da“, sagte er, „hätte ich dich ausstopfen sollen mit Kohle und dann anzünden?“ So ein Satz. Oder er konnte dem Kind androhen, „Ich stecke dich jetzt in den Sack, binde ihn oben zu und lass dich ersticken“, oder er hält ein kleines Kind vielleicht von drei, dreieinhalb Jahren über eine Brüstung, über den Abgrund hinaus, und er kitzelt es und sagt, „ich halte dich jetzt so lange, bis du sagst, lass mich los!

Dieser Satz ist wichtig, weil es zeigt, dass man das Kind in eine gefährdete Situation bringt und ihm gleichzeitig keine Möglichkeit der Rettung lässt. Oder eine andere Situation. Ich wollte irgendetwas, was Kinder von den Eltern wollen, und er nimmt einen Stab, legt diesen Stab parallel unten an eine Wand und sagt, „Jaja, wenn du über dieses Stöckchen springst, dann bekommst du es. Im späteren Aufwachsen haben sich alle diese Dinge in veränderter Form immer wieder wiederholt, ich wurde also beschimpft, „du bist ein beschissener jüdischer Freier, ein Ganef“, oder dieses Nachahmen, „Na, willste machen a Geschäft?“

Da wusste ich aber schon, mit diesem Mann stimmt etwas nicht. Ich wusste, er hat doch dieses Ding unter der Achsel. Da habe ich, als ich vierzehn oder so war, gefragt, was das ist: „Jaja, das mussten wir als Soldaten machen, damit man gleich weiß, was wir für eine Blutgruppe wir haben, wenn uns was passiert“. Aber er wusste nicht, dass ich schon längst den wirklichen Zusammenhang weiß.

RRM: Ich habe mich später von Vielem gelöst, aber manches lässt sich nicht so einfach aus dem Erinnerungszusammenhang wegschieben. Ich wusste, dass er in der Ukraine war, ich wusste, dass er bei den Einsatzgruppen war, und ich wusste ja, dass die Einsatzgruppen nicht zum Tanzen unterwegs waren. Und dann, vor knapp 18 Monaten, lese ich in der Onlineausgabe von Haaretz, einen Bericht über einen Überlebenden von Babyn Yar, und dort stoße ich auf dieses Foto*. Dann war der Schock perfekt. Weil dann war klar, wer dieser Mann hier auf diesem Foto ist, und dann hatte sich für mich dieser Bogen geschlossen.

Rückseite auf Deutsch: ‚Der letzte Jude von Winniza‘ © en.wikipedia.org/wiki/The_Last_Jew_in_Vinnitsa

RRM: Das ist die Antwort auf Ihre Frage, wie das ein Leben bestimmen kann.

BS: Warum hat dieser Mann denn Ihre Mutter geheiratet?

RRM: Sie war für ihn sicher eine gute Partie, weil er aus relativ einfachen Verhältnissen kam. Und er wusste um ihre familiären Verhältnisse…

BS: Und dass sie jüdisch war?

RRM: Das ist ja dieser Irrsinn! Ja, er wusste das.

BS: Vielleicht war Ihre Mutter eine Art Persilschein für ihn?

RRM: Genau, das war die Situation. Mittlerweile betrachte ich das als eine nicht sehr schöne Erzählung, als einen Roman, der nicht sehr gut ist. Als hätte das jemand anderer geschrieben.

29.10.2021 in der Hamburger Str. 31, Berlin
von Rainer René Mueller autorisierte Schriftfassung

* Später fand Rainer René Mueller heraus, dass dieses Foto aus dem ukrainischen Winniza stammt und nicht, wie er gedacht hatte, aus Babin Jar.

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