©
Wo:Strelitzer Str. 3, 10115 Berlin
Wann:Dienstag, 04.10.2022, 19:00

Dmitrij Kapitelman

Stolpersteine in der Streillitzer Str. 3

Hugo Schnürmacher wurde am 29. August 1877 in Wien geboren, er zog um die Jahrhundertwende nach Berlin-Mitte und heiratete 1912 eine „arische“ Berlinerin: Karoline Gerbsch. 1940 ließen sich die Hugo und Karoline Schnürmacher scheiden. Hugo Schnürmacher zog aus der bisherigen Wohnung in der Veteranenstraße nun mit den beiden unverheirateten Töchtern in die Strelitzer Str. 3 in Berlin-Mitte. Man wohnte im Vorderhaus parterre in einer 3-Zimmer-Wohnung.

Von den drei älteren Kindern von Hugo Schnürmacher und Karoline Gerbsch entging nur das älteste der unmittelbaren Verfolgung: Hans Kurt Schnürmacher, geboren am 8. Juni 1905 in Berlin – noch unehelich und erst 1912 legitimiert. 1939 wurde er demnach als „Halbjude“ ausgewiesen, obwohl er als 13-jähriger 1918 in der St. Elisabeth-Kirche getauft worden war. Im Taufbuch steht unter Beruf des Vaters: Schneider. Dieser Sohn Hans heiratete später wiederum eine „Arierin“, Margarete Beckmann. Die beiden bekamen zwei Töchter und wohnten 1943 in der Schreinerstr. 64 im Bezirk Friedrichshain.

Die älteren Töchter, die mit dem Vater zusammenwohnten, hatten als Näherinnen gearbeitet. Im Juni 1943 erhielten sie die Aufforderung, ihre „Vermögenserklärungen“ abzugeben. Der Vater glaubte damals noch an einen Irrtum, hatten seine Töchter doch als „Mischlinge“ einen scheinbaren Schutz durch die „arische“ Mutter zu erhoffen. Doch wenige Tage später wurden sie in das Sammellager Große Hamburger Straße gebracht und von dort deportiert: Die älteste Tochter Margarethe, geboren am 10. September 1906 in Berlin, soll den Unterlagen nach am 28. Juni 1943 mit dem „39. Osttransport“ direkt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden sein, ebenso ihre jüngere Schwester Valeria, die am 10. Mai 1911 in Berlin geboren war. Dies waren die Erkenntnisse bis zur Beantragung der Stolpersteine. Angemerkt wurde damals jedoch, dass sich die Namen beider Töchter weder im Gedenkbuch Berlin noch in der Liste der Ermordeten von Yad Vashem finden. Im Brandenburgischen Landeshauptarchiv liegen aber die Vermögenserklärungen und die Deportationsangaben vor.

Wahrscheinlich verzögerte sich die Deportation der Schwestern aus dem Sammellager. Tatsächlich wurden sie erst am 30. Juni 1943 mit dem „93. Alterstransport“ von dort deportiert – nach Theresienstadt. Dort erlebten sie im Frühjahr 1945 die Befreiung des Lagers.

Der Vater Hugo Schnürmacher wurde ein halbes Jahr nach der Deportation seiner Töchter am 10. Januar 1944 mit dem „99. Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert und von dort am 15. Mai 1944 nach Auschwitz, wo er wohl sofort ermordet wurde.

Heidemarie Ehwald und Sabine Krusen, Quelle

Ein sehr ängstlicher Mann

Dmitrij Kapitelman liest ein Kapitel aus seinem Roman „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“, Hanser Berlin, 2016

28. September: Papa feiert Geburtstag.

Das stimmt so nicht. Papa akzeptiert, dass der Kalendertag, an dem sich die Summe seiner Lebensjahre ändert, einen erhöhten organisatorischen Aufwand nach sich zieht. Geschenke möchte er keine. Ausgehen mit Freunden auch nicht. Er akzeptiert aber, dass meine Mutter etwas üppiger kocht und unser ebenfalls aus der Ukraine stammender Nachbar Pawel zum Abendessen vorbeikommt. So traurig und selbstverleugnend sind seine deutschen Geburtstage.

Meine Mutter braucht mehr Mayonnaise für den Eiersalat, und Papa fragt mich, ob wir zusammen zum Magazin laufen wollen, um eine Packung zu holen. Der Laden ist zu Fuß etwa zwanzig Minuten entfernt. Die Strecke ist der legitime Erbe der Kaufland- und Hunderunden.

Vor dem Haus an der Karl-Heine-Straße 47 bleibt Papa abrupt stehen und deutet auf den Boden, auf fünf Stolpersteine für die von den Nationalsozialisten ermordete Familie Rosenfeld. Fünf in die Straße gestanzte Gedenkbröckchen. Ich verstehe nicht, worauf Papa hinauswill.

»Was ist, Papa?«

»Juden.«

Papa spricht das Wort nicht andächtig aus. Eher seltsam süffisant. Warum grinst er so komisch? Als würde er mir bedeuten wollen: Siehst du? Hab ich es dir doch gesagt, Junge. Sollte ich anhand dieses Lächelns darauf schließen, was für meinen Vater Jüdischsein bedeutet, müsste ich antworten: Im Tante-Em ma-Laden eine Capri-Sonne stibitzen und dabei nicht erwischt (vergast) werden.

»Ja, Papa?«

»Hier lebten Juden. Jetzt gibt es diese Juden nicht mehr. Keinen von ihnen.«

Eigentlich müsste ich ihn fragen, was er mir eigentlich damit sagen will, während wir an friedlichen Hipstern und jungen Müttern vorbeilaufen, um Mayonnaise für seinen Geburtstagssalat zu holen. Doch ich bin zu irritiert von seinem Tonfall.

Im Laden angekommen, denkt Papa nicht im Traum daran, einfach die Mayonnaise einzupacken und wieder nach Hause zu gehen. Genüsslich setzt er sich auf seinen Thron an der Kasse. Hier herrscht Ruhe vor den Turbulenzen seines Ehrentages. Hier kann meine Mutter ihn nicht zwingen, Zwiebeln zu schneiden. Hier, auf dem Thron, will er etwas verweilen. Hier will er sich die Zeit nehmen für ein ungestörtes Gespräch mit seinem Sohn.  

Der Thron ist übrigens ein kaputter, unbequemer blauer Bürostuhl aus Plaste. Eine der Rollen ist abgebrochen. Würde ein Unwürdiger sich daraufhieven, würde er mit großer Sicherheit nach hinten kippen und sich das unreine Genick brechen. Nur König Kapitelman weiß, wie man auf diesem Haufen Schrott das Gleichgewicht hält.  

Papa rechnet durch, wann und bei wem wir die Flüge nach Tel Aviv am günstigsten buchen können. Außerdem dürften wir auf keinen Fall den Fehler begehen, Freitagabend, also kurz vor dem Sabbat, zu landen. Weil die Taxifahrer, wohl wissend, dass nach ihnen keiner mehr fährt, dann mehrere Hundert Dollar verlangen. Die Preise für Pfirsiche und Hotelzimmer sollen ebenfalls unerträglich hoch sein.  

»Papa, ich habe Geld für unsere Reise. Denk doch lieber darüber nach, was du in Israel eigentlich sehen möchtest.«  

»Ach, gib mir einfach eine Reisebroschüre von Israel, dann erzähle ich dir das alles auch so. Dazu muss ich nicht nach Israel.«  

»Dazu musst du nicht nach Israel?«  

»Nein, wir können von mir aus auch nach Disneyland fahren, wenn dich das glücklich macht.«  

Unnötig zu erwähnen, dass mein Vater diese Sätze wieder mit Heiterkeitspanzer im Gesicht auffährt. Eben konnte er nicht an den toten Rosenfelds vorbeilaufen, ohne eine mit falscher Fröhlichkeit getünchte Krise zu kriegen. Jetzt sind Israel und Disneyland ein und dasselbe.  

Ich weiß mit diesem Mann nicht weiter. Nachdem er vor kurzem noch von Israels Flughäfen träumte und am eigenen Unglauben zweifelte, würde ihm also eine Reisebroschüre oder ein Scheißfoto mit Micky Maus reichen? Will er mir damit sagen, dass er die Reise für einen Witz hält? Dass er sich, mich und das ganze Leben für einen Witz hält, dessen Pointe ein Haufen Mayonnaise ist, sofern es nicht mit Vergasung endet, falls ein humorloser Herrscher an die Macht gerät?  

Eine Angst steigt in mir auf: dass da tatsächlich nicht viel mehr ist. Dass wir ein paar banale Wochen in einem Land verbringen werden, das etwas wärmer ist und anders heißt. Dass wir mit nichts als einem Sonnenbrand zurückkehren werden. Dass die richtigen Juden im echten Judenstaat nur recht daran täten, uns Scharlatansemiten abzuweisen. Ein mit Identität kokettierender junger und ein gleichgültiger, verängstigter, Feindbilder wiederkäuender, unsichtbarer alter Mann. Falschjude Dmitrij K., eigentlich mit allem und mehr ausgestattet, um glücklich zu sein, wird aufgrund von Eigenverschulden zu einem kläglichen Leben ohne Selbstverständnis verurteilt!  

Wahrscheinlicher ist aber, dass er die Reise mit seiner gespielten Gleichgültigkeit vor sich selbst kleinredet. Weil die Konflikte, die wir dort anfliegen, Papas gesamtes Lebenskonzept infrage stellen könnten. Weil ihn der Gedanke, so viel Zeit mit sich selbst zu verbringen, überfordert. Weil es praktisch ist, unsichtbar zu sein. Und weil mit Israel zum ersten Mal ein Land wartet, das mein Vater lieben darf. Das ihn unter Umständen sogar zurücklieben könnte. Ich glaube nicht, dass Papa dieses Gefühl kennt.  

Der Eiersalat schmeckt wie immer. Einige Tage vergehen. Papa sitzt in seinem Fernsehsessel, und ich betrachte ihn missmutig von der Seite: den ausufernden Bauch, den er sich in den letzten Jahren zugelegt hat. Das schlaffe, desinteressierte Gesicht mit dem unzufrieden nach vorn strebenden Fischkiefer. Unser Gespräch bebt immer noch in mir nach. Was er natürlich nicht bemerkt hat.  

Disneyland. Arschloch.  

Habe ich wirklich gedacht, dass dieser gealterte, unterspannte Mann noch irgendeine Form von Interesse daran hegt, substanzielle Fragen an sich selbst und an das Leben zu stellen? Oder gar Sorge zu tragen dafür, dass seine ungelösten Konflikte nicht zu denen seines Sohnes werden? Toller Jude bist du, Papa. Von Gott auserwählt, auf alles zu scheißen und TV zu glotzen. Weitere Tage vergehen. Dann fragt Papa mich, ob ich mit ihm zum Magazin spazieren möchte. Er hat seine Blutdrucktabletten dort vergessen. Ich habe wenig Lust und biete ihm an, dass ich seine Medikamente schnell mit dem Rad hole. Er reagiert gekränkt. Also schön, dann gehen wir.  

Unterwegs treffen wir Kalil, der seinen Hund ausführt. Kalils Hund ist riesig, ein fast fünfzig Kilogramm schweres Minipferd. Und ein ebenso riesiger Schisser. Mich kennt Pho, springt mich an, liebkost mich. Papa kennt er nicht, also bellt er ihn aus.  

»So ist es richtig, Pho. Bell den alten Jud aus«, gifte ich. Wir drei lachen.  

»Wie alte ist Hund?«, erkundigt sich Papa bei Kalil. Eigentlich könnten wir auch Russisch miteinander sprechen. Aber Kalil ziert sich mit dem Russisch. Also bleiben wir bei Deutsch. Was irgendwie albern und unbeholfen wirkt.  

»Zehn Monate. Der ist noch klein. Deswegen hat er auch vor allen Angst.«  

»Schone Tier hast du«, erkennt Papa an.  

Wir laufen weiter. Papa scheint aufrichtig besorgt um die mentale Verfasstheit von Kalils Hund. Moniert, dass ein derart verschüchtertes Verhalten mit zehn Monaten nicht mehr normal sei. Befürchtet, dass Pho als Welpen etwas Traumatisierendes widerfahren sein könnte. Ich habe aber keine Lust, Psychogramme von Pho zu erstellen. Aus mir platzt es heraus: »Papa, den einen Moment beklagst du die Ermordung der Juden in deiner Straße, im nächsten kann dir Israel den Buckel runterrutschen. Siehst du denn nicht selbst, wie widersprüchlich das ist, was du mir erzählst?«  

Er bleibt stehen. »Was soll ich denn in Israel? In Israel schießen sie. Das ist mir zu gefährlich. Alle Juden sind Schisser.«  

Papas Gesicht aktiviert die zu einem Grinsen benötigten Muskelgruppen. Er setzt seine bevorzugte Lach-Angst-Miene auf.  

»Die haben doch den Iron Dome, Papa. Da kann dir nix passieren. «  

»Ich weiß, trotzdem hat es dieses Jahr schon drei Israelis erwischt. «  

»Papa, ich glaube, dass dir Israel sehr, sehr guttun wird. Und ich hoffe, was ich jetzt sage, verletzt dich nicht. Ich sage es jedenfalls nicht, um dich zu verletzen. Im Gegenteil. Ich habe den Eindruck, dass du eingeschlafen bist. Du hast dich in Deutschland in deinem Laden und in eurer Wohnung verbarrikadiert. Es gibt nichts, was wirklich zu dir durchdringt. Nichts, was dir wichtig scheint. Du bist nicht da. Du nimmst kaum an deinem eigenen Leben teil. Und ich glaube, dass Israel dich noch einmal wecken wird.«  

»Du hast recht. Das Leben, das ich derzeit führe, ist absolut unsinnig.«  

Papa stimmt mir zu. Einfach so. Nicht schwermütig, nicht klagend. Sondern mit einer Beiläufigkeit, als würde er bestätigen, dass gestern tatsächlich schönes Wetter war. Das ist nicht weniger irritierend, aber immerhin genau die Art, wie der Vater, den ich kenne, reden und analysieren würde. Das ist der Verstand, der den real praktizierten Kommunismus als verlogenen Politbüromüll identifiziert hat. Der Freigeist, dessen Verstand Alarm schlägt, sobald seine Unabhängigkeit bedroht ist. Später sitzen wir vor dem Fernseher. Ganz unvermittelt beginnt Papa zu erzählen:  

»Mein Vater besaß ein ganz besonderes Buch. Es hieß Meine erste Reise nach Israel. Es hatte einen ganz feinen Ledereinband. Mein Vater hat sich das Buch 1961 gekauft und wie einen Schatz gehütet. Vorne sah man Moskau und Jerusalem auf einer Karte eingezeichnet. Verbunden durch eine gestrichelte Linie, auf der sich eine Aeroflot-Maschine auf Israel zubewegt. Weißt du, Dima, mein Vater wurde nach dem Krieg zu einem sehr ängstlichen Mann. Wenn jemand in seiner Gegenwart einen politischen Witz erzählte, ging er sofort weiter. Nichts hören, keinen Ärger bekommen. Wenn Stalins Schergen wieder im Block unterwegs waren, um Leute abzuholen, versteckte er das Buch und löschte überall in der Wohnung das Licht.«  

Ach, mein lieber, unsichtbar geschundener Papa.

Dmitrij Kapitelman im Gespräch mit Lena Scheitz

Video Natalia Mikhaylova

Anmelden